Der verknüpfte Papierkorb
Ich bin ein unordentlicher Mensch. Jeder, der mich kennt, kann das bestätigen. Es ist schwer, zu meinem Arbeitsplatz vorzudringen
und ebenso schwer, ihn zu überschauen und sich wieder von ihm fortzubewegen. Aber es gibt Grenzen. Mein Papierkorb beispielsweise ist schon seit Wochen voll, aber er steht unter dem Tisch. Darauf lege ich Wert.
Mein Computer sieht das anders. Auf dessen Desktop steht ein Papierkorb. Das ist natürlich Geschmackssache, kulturelle Nuance vielleicht. Die Amerikaner haben andere Gewohnheiten, sie präferrieren ohnehin bunt gemusterte Schreibtische mit
Symbolleisten darauf, vielleicht ist es bei ihnen auch üblich, den Papierkorb auf dem Tisch stehen zu haben. Sei's drum. Bei mir ist es nicht üblich.
Ich versuche also, meinen virtuellen Papierkorb vom Desktop zu schieben, weg vom Schreibtisch, zum Beispiel auf die "Schnellstart-Leiste". Zwar kann ich mir unter einem schnellstartenden Papierkorb nicht viel vorstellen, aber man hört
ja viel über den Erfindungsreichtum moderner Informatiker und Ingenieure. Ich bin sicher, dass jemand, der den Mut aufbringt, alte bürgerliche Tabus zu brechen und den Papierkorb unter den verstaubten Tischen altmodischer okzidentaler Philister
in die Öffentlichkeit zu zerren, dergleichen schnellstartende Exemplare problemlos mit links hervorbringt. Ich täusche mich.
Anstelle des weggeschobenen Papierkorbs erscheint ein zusätzliches Dialogfeld mit dem verwirrenden Titel "Verknüpfung". Es klärt mich auf, dieses Objekt - der Papierkorb - könne nicht an diese Stelle verschoben oder kopiert
werden und gipfelt in der Frage: "Möchten Sie statt dessen eine Verknüpfung mit dem Objekt erstellen?"
Niemand kann von mir verlangen, meinen Papierkorb auf meinen Schreibtisch zu stellen und ihn zudem noch mit einer Schnellstart-Leiste zu verknüpfen. Wer soll ihn dann noch leeren können? Ich lehne ab.
Im Verlauf der nächsten Tage stelle ich fest, dass ich zwar nicht imstande bin, den Papierkorb von meinem Schreibtisch zu schieben, ihn aber statt dessen mit dem Startmenu verknüpfen kann, wobei es unerheblich ist, ob er bereits zusätzlich
mit der Schnellstart-Leiste verknüpft ist. Genaugenommen kann ich über wenige Mausklicks meinen Papierkorb mit praktisch allem verknüpfen, bis er so fest auf meinem Schreibtisch steht, dass ihn nicht einmal ein Hacker mehr fortbewegen
kann. Aber es ist nur mein Papierkorb und wenn ein verzweifelter Hacker bedürftig genug ist zu lesen, was andere in den Papierkorb werfen, dann bin ich der letzte, ihm diesen Dienst zu verweigern und ihn durch zahllose Verknüpfungen meines
Papierkorbs daran zu hindern. Vielleicht stimmt es ihn sogar milde und er sieht von einer Durchsicht der anderen Daten ab. Also löse ich alle Verknüpfungen wieder und werfe pro forma ein paar dynamische Programmbibliotheken in den Papierkorb,
damit die Befreiung nicht ganz umsonst ist.
Ich versuche, den Papierkorb in andere Bereiche meines Bildschirms zu verschieben. Diesmal klärt mich nicht mal mehr ein Dialogfeld über meine offensichtlichen Fehler auf, denn alles Herumschieben bleibt ohne Erfolg. Auf dem Desktop, dem
virtuellen Schreibtisch hingegen ist praktisch überall Platz, an jeder Stelle kann man den Papierkorb platzieren, sogar auf Dokumenten (die dann wirklichkeitsgetreu nicht im, sondern unter dem Papierkorb liegen), sogar auf Moorhühnern und
Power Points bleibt er anstandslos stehen. Vorausgesetzt, die Moorhühner und Power Points befinden sich ebenfalls auf dem Schreibtisch.
Ich versuche, den Papierkorb so eng an einer Seite zu platzieren, dass er kaum mehr sichtbar ist. Nach wenigen Stunden stellt sich der linke Rand im dritten unteren Viertel als idealer Versteckplatz heraus. Nur noch das "b" von "Papierkorb"
ist zu erkennen.
class="content"Ich gebe zu, wochenlang in der Illusion gelebt zu haben, statt des Papierkorbs nur ein kleines "b" auf meinem Schreibtisch stehen zu haben. Bei meiner Unordnung fiel das "b" kaum auf, man hätte es für ein verstecktes
"Lob" halten können oder für eine digitale Kopie des "Hiob" von Joseph Roth. Jedenfalls solange, bis ich nach einigen Wochen ein neues Programm installierte. Danach war der Papierkorb wieder zu sehen, direkt neben dem Symbol
für mein neues Programm mitten auf dem Schreibtisch.
Ich war kurz davor, aufzugeben und mich dem modernen, sich allen überkommenen Gewohnheiten entledigenden lifestyle zu beugen und auch im wirklichen Leben meinen Papierkorb ebenso demonstrativ wie überfüllt mitten auf meinen Schreibtisch
zu stellen. Einige Nächte wurde ich von Albträumen heimgesucht, musste im Schlaf miterleben, wie ich wichtige Akten rechts wegwarf, statt sie links zu bewahren, wie ich mein Bargeld ans Altpapier verlor und den Rest gleich der Müllabfuhr
überwies. Nein, ich kann meinen Papierkorb nicht auf meinen Schreibtisch stellen. Ich mag altmodisch sein, reaktionär und rückständig, aber ich stelle meinen Papierkorb nicht auf meinen Schreibtisch.
Ich habe ihn umbenannt. Er heißt jetzt "Stiftständer". Ich habe nie einen Stiftständer besessen und dies immer bedauert. Jetzt habe ich zumindest einen virtuellen. Und wenn es gelegentlich so aussieht, als
wenn mein Stiftständer vor Papier überquillt, so ist das einer der typischen altmodischen Spleens des Abendlands und nur auf meine Unordnung zurückzuführen.
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