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Kolumne
 

Moderne Zeiten

Können Sie noch ohne e-mail auskommen? Ich nicht.

Lange Zeit habe ich skeptisch den leidenschaftlichen Plädoyers aller Befürworter des worldwideweb zugehört, die bereit waren, ihre Oma darauf zu verwetten, daß es für die Bedürfnisse unserer schnellen Informationsgesellschaft unerläßlich sei, Datenströme unmittelbar von einer Person zur anderen fließen zu lassen auf einem Weg, der die Beständigkeit schriftlichen Austausches mit der Geschwindigkeit telephonischer Kommunikation zu verbinden vermag. Nun: mir waren meine Omas sehr lieb und sehr teuer, aber meine Cousinen gäbe ich inzwischen schon her.

Ich kann mich noch an jene Zeit erinnern, als ich auf einem studentischen UNO-Kongreß Mitte der 90-er Jahre in arge Bedrängnis geriet: es war ein lustiges Zusammentreffen von Menschen aus aller Herren Länder. Die - horrenden - Kosten für die Teilnehmer aus den Ländern der sogenannten I. Welt erklärten sich durch den Umstand, daß wir die Teilnahmegebühr für jene aus den weniger privilegierten Gegenden der Erde übernehmen mußten. Eine Verpflichtung, die wir einsahen und mit größter Selbstverständlichkeit zu tragen bereit waren. Als man jedoch gegen Ende der Veranstaltungen damit begann, Adressen auszutauschen, machte sich eine gewisse Bestürzung breit: nein, leider, wir kamen aus Australien, Kanada, Großbritannien, Griechenland oder der Bundesrepublik und konnten folglich lediglich auf die e-mail-Adressen unserer Universitäten hinweisen. Selbst hatten wir noch keine, wie uns auch Domains, Sites und Pages fehlten. Und so verlor sich der Kontakt zu unseren angolanischen, weißrussischen und kubanischen Kommilitonen, die ob unserer bedürftigen akademischen Ausstattung nur die Köpfe schütteln konnten. Das könnte mir heute nicht mehr passieren!

Inzwischen kann ich stolz meine Aufnahme in die Reihen der zivilisierten Menschen vermelden: ich verfüge über eine eigene e-mail-Adresse, habe eine reichhaltige Auswahl an potentiellen und willigen Korrespondenzpartner und nutze die Möglichkeiten modernster Kommunikationsmittel.

1. Regelmäßig scanne ich die Photos meines kleinen Sohnes ein und verschicke sie an meine sehr weit weg wohnenden Schwiegereltern, damit sie sich an den Bildern ihres Enkels schnell und problemlos erfreuen können. Bedauerlicherweise können meine Schwiegereltern das dazu nötige Programm noch nicht ganz einwandfrei bedienen, so daß erst mehrere vielstündige Telefonate erfolgen ("Nein, hör mir doch mal zu, Du mußt zuerst auf die linke Maustaste drücken, bevor Du mit dem Pfeil nach rechts gehst!... Doch, das geht!"), bevor sie in den versprochenen Genuß gelangen; andererseits ist es aber auch noch keine zwei Jahre her, daß wir ihnen das Programm installiert haben. Kommt Zeit, kommt Rat!

2. Auch erhalte ich regelmäßig Post von Freunden, die früher eher schreibfaul waren und auch nicht gern telefonierten. Erst kürzlich wurde ich mit vielen Seiten voller Smilies mit unterschiedlichsten Gesichtsausdrücken bedacht, sowie mit ganzen Bänden der witzigsten Sprüche von George Bush jun. Liebe Menschen, fast Familienmitglieder, erfreuen mich mit den neuesten Nachrichten aus Städten und Länder, in denen ich die letzten 20 Jahre nicht mehr gelebt habe, so daß ich immer weiß, wer heiratet und wer letztens erst wieder gestorben ist. Daß die betreffenden Personen nur noch vage aus den wabernden Nebeln meines Gedächtnisses entsteigen, ist nicht die Schuld der jeweiligen Übermittler.

3. Die in andere Gegenden gezogenen Freunde meines Kleinen können, dank der Liebenswürdigkeit ihrer Mütter, von sich hören lassen: und so weiß mein süßer Constantin, daß die liebe Sandra sich nun in ihrem Belgrader Kindergarten gut eingelebt hat. Zwar weiß er nicht, was Belgrad ist. Leider ist er erst drei und sie nur dreieinhalb; getroffen haben sie sich als sie beide eins waren, und das Leben trennte sie schon sechs Monate später. Seitdem ist viel passiert, mit beiden. Ich weiß nicht, ob Constantin sich noch an Sandra erinnern kann und ob, oder wann sie sich wiedersehen werden, aber ich werde ihm an seinem 18. Geburtstag von ihr erzählen. Ich bin sicher, er wird froh sein zu erfahren, daß es ihr damals, 2002 im Sommer gut gefallen hat in Belgrad.

3. Jahrzehnte lang habe ich mich, lange nachdem ich ein Ort verließ, gefragt, wie es den Menschen, die ich dort zurückließ, in ihrem Alltag ergeht. Inzwischen erhalte ich regelmäßig Auskunft darüber, was sie alle die letzten 15 Tage zu Mittag hatten, ob der Schnupfen besser geworden ist und daß die Genfer Hundesteuer inzwischen unverschämte Ausmaße angenommen habe und reinster Wucher sei. Natürlich, man hörte schon früher immer mal wieder von einander, schrieb zu Weihnachten und an Geburtstagen und telephonierte, um das traditionelle Wiedersehen einmal im Jahr zu verabreden. Doch für die tagtäglichen kleinen Freuden und Sorgen ist die Post zu umständlich: man muß sich an den Tisch setzen, Papier und Stift bereitstellen, schreiben, in den Umschlag stecken, Briefmarke darauf kleben und adressieren und - last, not least - sich wenn man unterwegs ist, daran erinnern, daß man das blöde Ding in den Briefkasten schmeißt. Andererseits ist das Telephon wiederum zu teuer, als daß man täglich in Paris anrufen könnte, um von den neuesten Streichen der Katze zu berichten und zu fragen, ob die Zehverstauchung ausgeheilt ist. Das ist nun mit dem Mailen ganz anders geworden: man geht zum Schreibtisch, fährt den Rechner hoch, wählt sich ins Programm ein, wartet, liest die inzwischen eingegangenen Nachrichten, löscht die 80% Reklame, schreibt seine Nachricht, verschickt sie, wartet, stellt fest, daß sie nicht verschickt wurde, verschickt sie erneut, wartet, stellt fest, daß sie nicht beim Adressaten eingegangen ist, verschickt sie wieder und holt dann Papier und Bleistift, um sich auf dem Notepad zu notieren, daß man morgen in Tel Aviv anrufen muß, um zu sehen, ob es nun endlich geklappt hat. Denn wenn es schon wieder schief gegangen sein sollte, könnte ja auf der anderen Seite - Gott behüte! - was passiert sein, und da möchte man lieber auf Nummer sicher gehen!

Natürlich hat auch e-mail, bei allen Vorteilen, seine Tücken. Zum Beispiel vergaß der amerikanische Professor, der auf meinen Text wartete, zu erwähnen, daß er nur einmal im Monat Zugang zu seinem elektronischen Briefkasten hat. Infolgedessen erreichte ihn mein Artikel leider zu spät, um noch gedruckt werden zu können, aber sein Jahresrückblick erscheint ja regelmäßig: mein Bericht zur aktuellen Lage in Afganistan wird eben beim nächsten Mal dabei sein.

Auch die Pressephotos, die ich einer rumänischen Zeitung im Auftrag zukommen ließ, wirkten aufgrund einer leichten Inkompatibilität der verwendeten Software leicht verzerrt, so daß ich mir nicht mehr ohne weiteres zugetraut hätte, die abgebildete Person einwandfrei zu identifizieren. Die zuständige Redakteurin versicherte mir jedoch, daß das Publikum in Bukarest sehr treu sei. Da also die Rumänen bei ihren Lieblingen über ein ausgezeichnetes Gedächtnis für Gesichter verfügten, würden sie meinen Vater ohne weiteres erkennen.

Gelegentlich kann es auch passieren, daß die Systeme down sind und Auftragsbestätigungen oder Rechnungen die Kunden meiner Firma nicht rechtzeitig erreichen. Bisher aber konnte alles in solchen Fällen binnen Tagen noch auf anderen Kanälen (Post, zum Beispiel) rechtzeitig erledigt werden. Es kann halt auch in unseren modernen Zeit eben nicht immer alles klappen...