World's largest Berlin 3rd floor cemetery juxtaposition network
 
 

 

 
Kolumne
 

Lesen bildet

Computer sind schnell. Das ist eine Tatsache, daran lässt sich nichts deuteln. Heute vollbringt ein handelsüblicher 4-Gigahertz-Personalcomputer vier Milliarden Schwingungen pro Sekunde. Das Foucaultsche Pendel müsste über zehn Millionen Jahre lang schwingen, um auf die Sekundenleistung eines modernen Computers zu kommen. Und ein Ende des Aufwärtstrends ist noch immer nicht abzusehen: Mitte der neunziger Jahre überflügelte der Computer das Radio mit seinen läppischen 100 MHz-Ultrakurzwellen und in Kürze werden die Prozessoren die Schwingungsbereiche harter Röntgenstrahlung erobert haben.

Für einen Menschen ist das unvorstellbar. Aber man betraut moderne Computer auch nicht mit menschlichen Aufgaben wie dem Lesen von Büchern, dem Abwasch oder dem Schlangestehen in Behörden. Seine Aufgaben liegen auf einem gänzlich anderen Niveau, für das ein hohes Schwingungsverhalten möglicherweise existenziell ist. Dem Lesen von dynamischen Programmbibliotheken etwa, jenen unmerklichen, aber doch unentbehrlichen guten Geistern der modernen Datenverarbeitung, von denen jede einzelne an Lesestoff das Gesamtwerk Balzacs um ein Vielfaches übertrifft. Wollte ich auch nur eine einzige dynamische Programmbibliothek lesen, ich bräuchte Jahre dafür, vielleicht Jahrzehnte.

Beim Start meines Textverarbeitungsprogrammes liest mein Computer zahllose dynamische Programmbibliotheken, dazu Hilfsprogramme und Initialisierungsdaten in ungeahnter Menge. Wenn jeder Mensch zweihundertfünfzig mal Krieg und Frieden lesen müsste, bevor er anfangen kann, einen Brief zu schreiben - die abendländische Briefkultur hätte zweifellos einen großen Rückschlag erlitten. Darum überlässt man solche Aufgaben auch nicht Menschen, sondern Computern.

Ein moderner Autor sollte heutzutage viel gelesen haben, wenn er nicht als naiv gelten will. Aber noch bevor ich auch nur eine Zeile geschrieben habe, hat mein Computer bereits mehr gelesen, als ich in meinem ganzen Leben zusammentragen kann. Daher sollte eigentlich er die Glossen ersinnen und sie mir diktieren, und nicht umgekehrt. Ich gebe zu, dass diese Vorstellung bislang eine Mindermeinung ist, eine ungewohnte Ansicht, die mir im Verlauf der besinnlichen Momente des sogenannten Bootvorganges gekommen ist, jenes Vorgangs, in dem mein Computer ein gesamtes Betriebssystem von unzähligen Megabytes in sich aufsaugt, einen Umfang von mindestens fünfhundert Bibeln in unterschiedlichen Sprachen innerhalb weniger Minuten bewältigend und in Teilen sogar rezitierend.

Es ist nicht nur die Menge, die er bewältigt und zu einem Großteil auch später noch reproduzieren kann, eine weitere Beobachtung hat mich gänzlich von der Kompetenz meines Rechners überzeugt. Die Disziplin und die Lernbegierde, mit der er dynamische Programmbibliotheken verschlingt, wäre selbst bei den Schulkindern früherer Generationen undenkbar. Nur selten verweigert er die Lektüre, und auch dann sind die Momente der Lernblockade nach einem Druck auf den Hauptschalter in kürzester Zeit verflogen.

Zu all meiner Hochachtung gesellt sich indes eine kleine Unsicherheit, die mich nicht mehr loslässt. Als verständiger Mensch greife auch ich gerne ein zweites Mal zu einem Buch, das mir gut gefallen hat, vielleicht sogar ein drittes oder viertes Mal. Es gibt sogar Bücher, die ich zum Teil auswendig kenne. Doch irgendwann ist der Moment erreicht, an dem ich die Erinnerung an ein gutes Buch seiner Lektüre vorziehe. Mein Computer hat die dynamischen Programmbibliotheken meines Textverarbeitungsprogramms nun schon viele hundert Male gelesen. Er müsste sie längst auswendig hersagen können. Und doch, bis heute liest er jede einzelne Datei beim Start vollständig durch, ausnahmslos, keine einzige auslassend. Ich mache mir Sorgen.

Die Wissenschaftler sagen, das Erinnerungsvermögen habe etwas mit dem Vergnügen zu tun, das man beim Lesen empfindet. Sollte mein Computer an der übermenschlichen philologischen Leistung, die er tagtäglich vollbringt, keine Freude haben? Sollte ihn der bloße Start meines Textverarbeitungsprogrammes in Langeweile versetzen, auf Dauer vielleicht verärgern und einem Belesenen seines Kalibers das Leben schwer machen? Ab morgen schreibe ich wieder auf Papier.