Eine Metapher des Fortschritts
Ein Enwurf aus der Schreibmaschine
Seinen ersten Balken entwickelte er noch mit der Schreibmaschine. Nur durch eine aufmerksame Haushälterin ist er uns erhalten geblieben
(Abb. 1). "Ich konnte ihn Prof. Line nicht zeigen. Er erschien mir so unvollkommen, und es war nur ein Stück Papier. Ich machte mich also daran, ihn in den Computer zu implementieren. Glücklicherweise hatten wir noch die alten Merlin-Rechner,
die jetzt außer Betrieb waren. Ich saß nächtelang im Institut und überlegte mir einen Algorithmus nach dem anderen. Es war alles nicht das, was ich wollte."
Am 19. Oktober 1972 kam ihm der Zufall zur Hilfe. Jane Sheffield, eine mit Jenkins befreundete Ornithologin aus Baltimore und später seine dritte Frau, war damit beschäftigt, eine um 90 Grad gedrehte Karte der herbstlichen
Zugvogelbewegungen von Bubulcus ibis nach Mexiko zu erstellen. "Es war großartig", erinnert sich Jenkins, "Jane hatte eine ganz aufregende Karte gemacht, auf der Amerika nicht oben, sondern links war und Mexiko rechts. Und die Vögel
flogen zum ersten Mal von links nach rechts in den Süden. Es war wundervoll. Niemand hatte bislang so eine Karte gemacht. Jane war eine sehr fortschrittliche Wissenschaftlerin. Es ließ mich einfach nicht mehr los. Und irgendwann dachte ich
mir: Das ist es, was du gesucht hast!"
Hilfe durch die Vogelkunde
"Die Ornithologie ist eine großartige Wissenschaft. Ich glaube, sie hat auch Ian Fleming beeinflusst", erinnert sich Jenkins. In einer einzigen Nacht entwickelte er den ersten computerbasierten Fortschrittsbalken in
Algol. Die zugrunde liegenden Algorithmen und Datenstrukturen waren noch etwas umständlich und sein Rechner nicht mehr auf dem Stand der Zeit. "Es dauerte zwanzig Minuten, bis man den Balken sehen konnte. Er war noch sehr statisch und bewegte
sich nicht. Aber ich machte sechs Balken, alle in unterschiedlichen Positionen."
Schon wenige Tage später war der "Jenkins-Balken" in aller Munde. "Es war eine Offenbarung," rekapituliert Stan Connected von Scrolling Systems Inc., seinerzeit Student an der MSU: "wir wussten alle, dass
es noch nicht das war, das es werden sollte, aber wir sahen das Potential, das dahinter steckte. Wir waren uns sicher: es würde sich einmal bewegen."
Es bewegte sich schon wenige Jahre später. 1979 konnte Jenkins den ersten bewegten Balken in einer Pressekonferenz der Michigan State University (MSU) präsentieren. Die Presse reagierte noch distanziert, aber viele Wissenschaftler
ahnten damals schon die Möglichkeiten, die hinter Jenkins Erfindung steckten. Von diesem Zeitpunkt an begann der unaufhaltsame Aufstieg von Jenkins' Fortschrittsbalken, der schon bald als der Inbegriff amerikanischer Computertechnologie gefeiert
wurde: "Er war einfach fortschrittlich. Es war, als hätte Jenkins die langwierigen Prozeduren von DOS, Mac und Windows vorausgeahnt", erinnert sich Annes Jugendfreund Phil. Und tatsächlich: schon kurze Zeit später trafen Anfragen
der Softwareindustrie ein, die den Balken für verschiedene Aufgaben einsetzen wollte. Erst nur für einfache Subtraktions- und Multiplikationsberechnungen, später für Tastaturabfragen und Abschaltvorgänge und schließlich
auch für Installationsprozesse.
Jenkins konnte all diese Aufträge nicht mehr alleine bewältigen und gründete 1982 die Jenkins Bar Service Inc., ohne seine Forschungsarbeiten an den
Warteschleifen zu beenden. Die Firma wurde zu einem der gefragtesten Zulieferer der Softwareindustrie, aber Jenkins' ehemalige Kollegen an der MSU behagte diese Entwicklung gar nicht. "Wir waren alle sehr betrübt über das Ausscheiden
von Jenkins aus der Universität", erinnert sich Line, "Wir hatten gehofft, dass er das Patent verkauft, aber er dachte nicht daran, bis nach einer Betriebsfeier 42 seiner 60 Mitarbeiter an Pilzvergiftung starben und er zum Unterhalt der
Hinterbliebenen verurteilt wurde." Nach dem Konkurs der Firma noch im selben Jahr setzte Jenkins seine Arbeiten an der MSU fort. Aber er war nicht mehr der alte.
"Mir gelang keine einzige Erfindung mehr in dieser Zeit. Ich machte einen Rückschrittsbalken, aber den wollte keiner haben. Dann dachte ich an einen Balken, der von oben nach unten läuft, aber die Ornithologen rieten
mir davon ab. Schließlich schrieb ich sogar einen Fortsetzungsroman, aber sie sagten, ich sei nicht besonders begabt."
Doch seine Erfindung macht Jenkins, der bis heute zahlreiche Aufsätze über closed loop events und Warteschleifendynamik veröffentlicht hat (wir berichteten), unsterblich. Und für die Verleger, die seinerzeit den
Fortschrittsroman abgelehnt hatten, wird Jenkins' Sechzigster zweifellos ein schwarzer Tag gewesen sein, denn seine Autobiographie "Filling the Last Gap" verzeichnet bereits jetzt mehrere Milliarden Vorbestellungen, obwohl der Verlag bekannt
gab, die Auslieferung könne sich wegen eines Prozessorausfalls auf unbestimmte Zeit verzögern.
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[Moderne Strategien der Fortschrittsbalkentechnologie]
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